Wenn jeweilen der Herbst ins Land zieht, begehen die Stadtschützen seit Jahr und Tag einen Anlass von ganz besonderem Gepräge:
Endschiessen Mit
dem Endschiessen veranstalten die aktiven Schützen das eindrückliche
Finale ihres Jahresprogramms. Noch einmal wird an diesem Kehraus
gewetteifert um Punkte, Rang und Gaben. Aus den Protokollen geht
hervor, dass Schützenmeister und Schützenrat stets mit besonderer
Gründlichkeit und Phantasie die Programme des Endschiessens ausgeheckt
haben. Auch Ehrenscheiben und Juxscheiben tauchen am Endschiessen auf.
Schiesstage sind nicht ein Wochenende, sondern in auffallender
Besonderheit ein Sonntag und der darauffolgende Montag. In früheren
Zeiten wurden Anfang und Schluss des Endschiessens der Stadt sogar mit
einem Kanonenkracher angezeigt. Nur während des 2. Weltkrieges, als die
Munition rationiert war, musste das Programm des Endschiessens jeweils
den noch vorhandenen Restbeständen an Munition angepasst werden.
Steckliträge... Mit
dem Steckliträge, dem Auftakt zum Endschiessen, schaffen die
Stadtschützen seit Jahr und Tag eine Verbindung zur Jugend dieser
Stadt. Es gehört den Stadtschützen das grosse Verdienst, dass dieser
typische Wiler Brauch unserer Stadt erhalten geblieben ist. Schon
verschiedentlich drohte er verloren zu gehen, weil die Bereitschaft,
Gaben zu spenden und Gaben einzusammeln, zu erlahmen schien. In den
Protokollen ist aber nachzulesen, dass in diesen kritischen Zeiten sich
immer wieder Stadtschützen fanden, die vehement der Erhaltung dieses
Brauchtums das Wort redeten. Wiederum war es die Zeit des 2.
Weltkrieges, in der kein Steckliträge mehr stattfand.
Werner Warth, Wiler Stadtarchivar, schreibt zum Steckliträge
folgendermassen: «Aus Anlass des Endschiessens der Stadtschützen führt
jeweils der festliche Umzug vom Hofplatz durch die Stadt, früher zum
Schützenhaus am Stadtweiher, später zum Hotel «Schwanen», heute zum
Tonhalleschulhaus. Die auf diesen Anlass hin von den Vereinsmitgliedern
und Gönnern gespendeten Gaben werden, an Stecken gebunden, von der
Schuljugend mitgetragen. Als Lohn winkt heute wie früher «ein
gesottener oder Butter-Ring». Der zottelige Wiler Bär, der feuerrote
«Schybezeiger» und die bunten «Pejasse» sind die nicht wegzudenkenden
Bestandteile des Umzuges, ebenso wie die Wiler Trachten, wie die
Tambouren und die Stadtmusik und, selbstverständlich, die Schützen und
die Zeiger.
Ab 1874 gehörten die Wiler Kadetten, gebildet aus den Knaben der
Realschule, ebenfalls zum Umzug, bis diese Form des militärischen
Vorunterrichts in den Zwanziger- Jahren unseres Jahrhunderts aufgehoben
wurde.
Wie es sich für einen lebendigen Brauch gehört, ist über die Entstehung
des «Steckliträgens» wenig zu erfahren. Gewiss dürfen die häufigen und
regelmässigen Vergabungen im 15. und 16. Jahrhundert von Wein und Hosen
durch den Schultheiss und die Räte auf das letzte Schiessen hin als
Vorläufer des «Steckliträgens» angesehen werden. Erste Notizen über
einen eigentlichen Umzug aber finden sich erst im Ratsprotokoll von
1665, wo zum Beispiel alle Schützen, ohne die Ratsherren, am «Umbzug»
teilzunehmen hatten. In den Schützenprotokollen selber finden sich ganz
wenige Notizen aus älterer Zeit. Erst im 19. Jahrhundert sind
ausführliche Listen über die Spender und ihre Gaben zu finden. In der
Regel wurden Sachspenden bevorzugt, doch sind auch etliche Geldspenden
vermerkt. So brachte beispielsweise 1853 der Gabentempel die
respektable Summe von Fr. 196.70, die von total 37 Spendern aufgebracht
wurden. Akribisch genau wurde dabei aufgezeichnet, aus welchen
Motivationen die Gaben dann geIeistet wurden. So sind allein 19 Spenden
infolge der in diesem Jahr erfolgten oder bestätigten «Beamtung» zu
finden, gefolgt von 10 Nennungen wegen Heirat. Für 7 Spender wird eine
Erbschaft als Grund vermerkt. Die nun folgende Notiz erhellt die
Methode zur Erlangung von Gaben, indem eine Aufstellung von Personen
folgt, die nichts spendeten. Unter dem Titel «Von den sämtlichen,
persönlich durch den Schützenrath beglückwünschten haben einzig nichts
verarbreicht: ....» Namentliche Liste und diverse Bleistiftbemerkungen
zeigen, wie übel ihr «Vergehen» vermerkt wurde.»
Schützenjahrzeit Bevor
jeweilen am Montag das Endschiessen seinen Fortgang nimmt, finden sich
die Stadtschützen seit Jahr und Tag zu einem Gedenk-Gottesdienst an
ihre verstorbenen Kameraden zusammen. In früheren Zeiten war es die St.
Peter-Kirche beim Friedhof und heute ist es die Stadtkirche
St.Nikolaus, wo sie das Andenken an all jene, die vor ihnen waren, in
Ehren halten.
Pfarrer Meinrad Gemperli, in der langen
Reihe seiner Vorgänger der Schützenpfarrer von heute, besinnt sich auf
die Schützenjahrzeit mit folgenden Gedanken:
«Die ehrwürdige Sitte der Väter beibehalten» Das war 1840 das Anliegen,
als es darum ging, die verschiedenen Stiftungen, Traditionen und
Verpflichtungen, die wir bereits in den ältesten Schützenordnungen
finden und die im Laufe der Jahrhunderte dazugewachsen sind, in einer
einzigen Stiftung, nämlich der «Schützenjahrzeit» am ersten Montag im
Oktober zusammenzufassen.
Es geht nicht einzig und vorwiegend um religiös-christliche Traditionen,
sondern vor allem um solche, welche die Kultur der Geschichte und der
Bürger und Gesellschaft unserer Stadt verdeutlichen und sie stets in
neue Formen zu giessen und umzusetzen vermögen.
Es geht um mehr als Traditionen und «ehrwürdige Sitten», die mit
allerlei Kunstgriffen über Wasser am Leben gehalten werden. Es geht um
das ganzheitliche Zusammen von Lebenskultur und Glaubenskultur.
Natürlich haben wir heutzutage ein anderes Verhältnis: Wir haben uns
inzwischen an die Eigenständigkeit der verschiedenen Lebenswelten
gewöhnt. Und das zwingt uns, die Ganzheitlichkeit stets neu zu suchen
und zu formulieren, so dass sie für den Menschen heute stimmt und
glaubwürdig ist. Dies wird uns nur gelingen, wenn wir die Bilder und
die Sprache der Schützen und des Schützensportes mit den Bildern und
der Sprache der Bibel konfrontieren und füllen. Bilder aus der
Schützenwelt werden zu fasslichen und lebensnahen Sinnbildern
christlicher Verkündigung. Darin sehe ich den Sinn der
jahrhundertealten Tradition des Jahrzeitgottesdienstes, auch in einer
postmodernen Gesellschaft und Kultur. Es soll darin zeitgermäss und
hautnah Lebenskultur und Glaubenskultur gepflegt werden,
selbstverständlich in aller kirchenüberschreitender Offenheit. Nicht
die Frage, ob ein Schützenpfarrer noch eine zeitgemässe Funktion hat,
ist erheblich. Erheblich ist die Frage nach der zeitgemässen Pflege
«der ehrwürdigen Sitte der Väter».